Das Miteinander der Religionen

Veröffentlicht am 21.05.2015 in Allgemein

Vortrag beim SPD-Bürgergespräch am 20.5.2015

Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen

Dr. Günther Gebhardt, Stiftung Weltethos Tübingen

Seit Jahren ist eines der zentralen gesellschaftlichen Themen in unserem Land und in den meisten Ländern Europas das Zusammenleben von Menschen unterschied­licher Kultur und Religion. Dabei stehen meist Menschen islamischer Kultur und Religion im Vordergrund. Debatten über Integration und sogenannte Parallelgesellschaften, über Religionsfrei­heit und den Platz der Religionen im säkularen Staat, über Kopftücher, Moscheebauten und Religionsunterricht nehmen breiten Raum ein.

 Diese gesellschaftlichen Fragen können nicht dadurch gelöst werden, dass man einen „Zusammenprall der Kulturen“ oder das Gespenst einer „Islamisierung des Abendlandes“ beschwört oder in Blindheit gegenüber den gesellschaftlichen Realitäten vollmundig das Ende und Scheitern der multikulturellen Gesellschaft dekretiert. Nein, die Globalisierung hat durch Reisen und Migration schon lange auch die Religionen ergriffen, und so leben heute in allen unseren Städten Menschen unterschiedlicher Religion nebeneinander. Man muss nicht mehr nach Indien oder Sri Lanka reisen, um Hindus zu begegnen.] Über das Nebeneinander-Leben hinaus ist aber ein weiterer entscheidender Schritt nötig: Wir müssen miteinander leben lernen! Das geht nicht von selbst, es ist ein Lernprozess. Und dieser Lernprozess ist seit Jahren an vielen Orten in Gang gekommen, auch hier in Bietigheim-Bissingen. Der zukunftsweisende Weg, den Sie hier am Ort eingeschlagen haben, scheint mir, die konstruktive Begegnung, die Verstän­digung und den Dialog der Kulturen und Religionen auf jede Weise zu fördern und alle Chancen dazu in der Praxis wahrzunehmen.

Nun hat allerdings seit langem und derzeit wieder ganz aktuell Religion oft schlechte Presse. Dies kommt nicht von ungefähr. An vielen Orten der Welt, besonders im Nahen Osten, werden grauenhafte Gewalttaten unter Berufung auf Religion begangen. „Wo Religion sich rührt, ist der Teufel los“, diese schon einige Jahre alte Schlagzeile aus der Neuen Zürcher Zeitung kommt mir leider zur Zeit immer wieder in den Sinn. Täuschen wir uns in unserem Erschrecken und Abscheu aber vor allem in einem Punkt nicht: Gewalt unter Berufung auf Religion ist nicht etwa nur ein Problem im Islam! Radikale Hindu-Nationali­sten in Indien haben in den letzten Jahren immer wieder Gewalttaten gegenüber Muslimen und Christen begangen. Und in jüngster Zeit ist es in Burma zu Massakern von extremistischen buddhistischen Gruppen unter Führung rassistischer Mönche gegen die muslimische Minderheit der Rohingya gekommen. Die Bilder von den dadurch hervorgerufenen Flüchtlingstragödien im Golf von Bengalen sind uns noch vor Augen. Und aus religiöser Motivation begangene Gewaltakte bestimmter Christen gegen Ärzte, die Abtreibungen durchführen, gehören genauso in die Kriminalgeschichte der Religionen. 

Die Zugehörigkeit zu einer Religion wird bei Spannungen als Identitätsmerkmal und besonders im Konfliktfall als Merkmal von Unterscheidung und Abgrenzung gegenüber dem anderen benutzt, der dann als Feind gilt. Das heisst aber nicht, dass solche Konflikte notwendigerweise „Religionskriege“ sind. Ursache sind nur sehr selten unterschiedliche religiöse Lehren oder Praktiken, sondern in der Regel wirtschaftliche, soziale, politische Probleme von Macht und Einfluss. Die Zugehörigkeit der Konfliktgegner zu unterschiedlichen Religionen kann aber die Schärfe eines Konflikts verstärken. Sie wirkt dann wie Öl, das in ein schon brennendes Feuer gegossen wird, um es noch mehr anzufachen.

Weil Religion sich oft so unfriedlich äussert, wird aber auch der interreligiöse Dialog in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten immer wieder auch mit Kritik belegt. Naiv und blauäugig gegenüber der Radikalisierung von Religion seien die Dialogvertreter: so kann man es, besonders mit Blick auf den Dialog mit Muslimen, nicht nur von manchen Politikern, sondern bis hinein in die Kirchen hören. Und dass in verschiedenen Ländern Europas rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und öffentlichkeitswirksame Personen gerade mit antiislamischen Parolen hoffähig zu werden scheinen, wirft ein beunruhigendes Licht auf den mentalen Zustand weiter Teile der Bevölkerung. Ist also das „Ende des Dialogs“ erreicht, wie es schon vor 10 Jahren der Basler evangelische Theologe Reinhold Bernhardt in den Titel seines umfassenden und tiefgründig analysierenden Buchs über den interreligiösen Dialogs gestellt hat? Doch Bernhardt setzt hinter seinen Titel bewusst ein Fragezeichen und antwortet: nein, keineswegs ist das Ende des Dialogs eingetreten! Und mit ihm bin ich der Meinung, dass es zum Dialog keine vernünftige Alternative gibt, gerade weil er eine immer notwendigere Strategie gegen Radikalisierungen darstellt und damit einen wichtigen Beitrag zur Integration unterschiedlicher religiöser und kultureller Gruppen leistet. Der Dialog ist unverzichtbar, wenn wir miteinander leben lernen wollen. Wie der Theologe Bernhardt bin ich der Meinung, dass das Bemühen um eine dialogische Gestaltung der interreligiösen Beziehungen nichts mit einem realitätsfremden Idealismus zu tun hat, sondern im Gegenteil Ausdruck von Realismus ist.[i] Dialog also als einzige realistische Möglichkeit. Weil wir davon überzeugt sind, sind wir heute hier. Ich verstehe aber meine Rolle heute Abend nicht als jemand, der eine Gebrauchsanweisung für das Miteinander der Religionen hier in Bietigheim-Bissingen mitbringt. Sie, die Bürgerinnen und Bürger unterschiedlicher Religionen und auch keiner Religion hier am Ort müssen dafür selbst die passenden Wege suchen; Sie sind die Experten für Ihre Stadt. Ich möchte Ihnen vielmehr einige Hintergrund-Überlegungen zum Nachdenken über den Dialog vorlegen. Dazu gehören freilich auch ein paar Beispiele aus der Praxis. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich beschränke mich dabei auf die Ebene des Dialogs der Religionen und werde keine Fragen sozialer oder kultureller Integration oder Integrationspolitik ansprechen. Ich beginne mit einigen Charakteristika des Dialogs. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Dialog reden?

Charakteristika des Dialogs

Dialog ist nicht zuerst eine Aktion, eine Aktivität, sondern eine innere Einstellung und Haltung. Woraus besteht sie?

  1. Dialog setzt zunächst die Bereitschaft voraus, dem anderen zu begegnen, aber nicht, um ihn von etwas zu überreden, auch nicht, um über ihn zu reden, sondern mit ihm zu reden als gleichwertigem Partner oder Partnerin. Dazu gehört ganz wesentlich, aufeinander zu hören. Das setzt voraus, dass ich vom anderen erwarte, dass er mir etwas zu sagen hat, dass ich etwas Neues lernen kann. Die Neugierde am anderen halte ich für eine entscheidende Voraussetzung und Tugend interreligiösen Dialogs. Von daher verbietet sich jedes Gefühl von Überlegenheit oder Dominanz eines Partners; die gleiche Ebene der Dialog­partner ist entscheidend. Manchmal haben in einem Dialog beide Partner Schwierigkeiten, den Wahrheitsanspruch des jeweils anderen auch zu respektieren. Doch Dialog basiert auf Gegenseitigkeit, es darf keinen Sieger und Verlierer geben. Und schon gar nicht darf Dialog eine ver­steckte Form von Missionierung sein, verstanden als Bekehrungseifer, wo ich im Grunde den anderen von meiner eigenen Religion überzeugen möchte. Stattdessen sollten die Dialogpartner daran interessiert sein, einander zu immer besseren Gläubigen ihrer Religion zu machen.

 

  1. Jedoch: Fruchtbare Dialoge können nur geführt werden von Partnern, die einen eigenen Standpunkt haben, also, beim interreligiösen Dialog, eine religiöse Identität, wie auch immer die genau aussehen mag. Wenn mir meine eigene religiöse oder spirituelle Überzeugung gleichgültig ist, habe ich einem Dialogpartner wenig zu bieten, er kann von mir nichts Neues oder Bereicherndes erfahren. Gerade manche Christen, die sich als besonders fromm einschätzen, halten Menschen, die sich im interreligiösen Dialog engagieren, oft vor, sie würden die Unterschiede zwischen den Religionen verwischen. Echter Dialog tut das sicher nicht, denn ohne Standpunkt wäre er langweilig und nutzlos. Wahrer Dialog nimmt den anderen gerade in seiner oder ihrer Andersartigkeit ernst und damit auch die Unterschiede zwischen den Religionen, aber er baut auf dieser Begegnung einen gemeinsamen Weg auf, der zu einer „Einheit in Vielfalt“ führen kann, oder wie es in der christlichen Ökumene ausgedrückt wird, zu „versöhnter Verschiedenheit“.

 

  1. Dialog setzt aber bei allem eigenen Standpunkt dennoch voraus, dass ich mich auf die religiöse Welt des Partners einlasse und soweit wie möglich versuche, sie von innen zu verstehen. Ein Ziel des Dialogs ist jedenfalls: Den anderen so verstehen lernen, wie er oder sie sich selbst verstanden wissen will. Dazu gehört auch: Nicht die Ideale meiner Religion mit der Praxis der anderen Religion vergleichen, sondern Ideal mit Ideal und Praxis mit Praxis! Am Beispiel Islam: Der Begriff „djihad“ ist in aller Munde. Er hat mehrere Bedeutungen und Nuancen und wird weitgehend als spirituelle, innere Anstrengung des Menschen verstanden. Doch es gibt offenbar auch eine mögliche Interpretation von djihad als militärische Auseinander­setzung. Nun wäre es unangebracht, diese Bedeutung des djihad zu vergleichen mit dem Liebesgebot der Bibel! Nein, wenn schon, so müsste man ehrlicherweise den militärischen djihad vergleichen mit der christlichen Lehre vom „gerechten Krieg“, wenn nicht gar mit der Praxis der Kreuzzüge. Wenn ich mich eingelassen habe auf die andere Religion, dann kehre ich mit diesen neuen Erfahrungen zu mir, zu meiner Religion zurück und werde spüren, dass ich sie in veränderter Weise lebe. In einem Bild ausgedrückt: Wenn ich in die Moschee oder in einen Hindutempel  gehe, muss ich meine eigenen Schuhe vor der Türe stehen lassen.

Daraus folgt schliesslich: Jeder Dialogpartner sollte bereit sein, verändert aus dem Dialog herauszugehen. Ich muss damit rechnen, dass die Begegnung mit dem anderen mich sehr verändern kann. Wie jede menschliche Beziehung ist auch der interreligiöse Dialog ein Schritt ins Offene. Ein englischer „Dialogpionier“ hat einmal gesagt: „Dialog, der sich gegen alle Risiken absichert, ist kein echter Dialog“.

Ebenen des Dialogs

Nun gibt es freilich unterschiedliche Arten und Ebenen des Dialogs:

(1) Die natürlichste Form, die meist gar nicht eigens als Dialog empfunden wird, ist der "Dialog im Leben". Damit ist zunächst das faktische nachbarliche Leben von Menschen unterschiedlicher Religionen gemeint, das aus sich schon Begegnung und Kommunikation bringt. Am Arbeitsplatz, in derselben Strasse, beim Einkaufen, im Sportverein, oder auch bei speziellen Anlässen in einer Stadt kommt es immer wieder zu diesem Dialog im Leben. Auf dieser menschlichen Ebene sind wir alle ganz oft Dialogpartner. Bei dieser nachbarschaftlichen Begegnung, die auch gelegentlich Unterstützung und Hilfe im Alltag beinhalten kann, spielt die Religion oft keine besondere Rolle. Doch können durchaus an einzelnen Punkten Reaktionen, Empfindlichkeiten, Besonderheiten auftreten, die mit der Religion zu tun haben. Damit sollten auch Menschen rechnen, die selbst vielleicht keiner Religion angehören, und diese Ebene ihres Gegenübers zumindest respektieren. Der patente muslimische Arbeitskollege empfindet es vielleicht nicht als sonderlich spassig, wenn er in geselliger Runde dauernd gefragt wird, ob er nicht doch ein Bier trinken will. Daraus folgt aber auch: Dieser heute völlig übliche „Dialog im Leben“ erfordert auch eine gewisse Grundbildung der Bürgerinnen und Bürger über die Religionen von Mitbürgern mit anderem religiösen Hintergrund. Volkshochschulen und andere Bildungseinrichtungen, aber auch die Medien wie z.B. die Lokalpresse, haben hier eine grosse Verantwortung für korrekte Information. Allerlei fachlich kompetente Partner stehen heutzutage diesen Einrichtungen zur Hilfestellung und Zusammenarbeit zur Verfügung, wie etwa auch die Stiftung Weltethos.

(2) Ausser dem „Dialog im Leben“ gibt es aber auch den Bereich des "organisierten" Dialogs. Hier sind vier Weisen besonders wichtig:

(a) Anhänger verschiedener Religionen treffen sich, um gemeinsame Belange ihrer Religionsgemeinschaften zu besprechen. Beispiel dafür sind christlich-islamische Dialoge, in denen z.B. Fragen der religionsverschiedenen Ehen, des Schulunterrichts, eines Moscheebaus usw. zur Sprache kommen. Hierher gehört auch, dass Religionsanhänger oder Religionsgemeinschaften in schwierigen Situationen füreinander eintreten, auch öffentlich. Beispiel: Bekanntlich löst das Vorhaben eines Moscheebaus oft Widerstände und Streit aus, obwohl weder das Grundgesetz noch der gesunde Menschenverstand verbietet, dass sich eine Religionsgemeinschaft würdige Gebetshäuser baut. In den letzten Jahren sind immer wieder Kirchengemeinden für ihre muslimischen Nachbarn eingetreten und haben z.B. solche Bauvorhaben unterstützt, auch durch öffentliche Erklärungen in den Medien. Das ist ein schönes Zeichen interreligiöser Solidarität und Ausdruck einer dialogischen Haltung.

(b) Der akademische Dialog, in dem theologisch-philosophische Grundlagenfragen diskutiert werden und Missverständnisse beseitigt werden können. Dies ist eher ein Dialog der Fachleute, dessen Ergebnisse aber durchaus über entsprechende Bildungseinrichtungen, über Medien und Publikationen und über religionspädagogische Einrichtungen an der Basis ankommen sollen, etwa über die Schulbücher oder durch Lehrerfortbildungen.

(c) Der spirituelle Dialog: Er findet zum Beispiel dann statt, wenn eine Religionsgemeinschaft Menschen mit anderer Religion einlädt, Gast zu sein bei Gottesdienst, Gebet, Meditation oder einem anderen ihrer Rituale oder Feste. Auch hier müssen die Gäste keineswegs ihren eigenen Glauben ablegen und sich mit den Ritualen der anderen identifizieren; sie sollen und können aber respektvoll Gast sein, sich einfühlen und lernen und sich bereichern lassen von den Erfahrungen. Eine Christin oder ein Muslim muss nicht Hindu werden, wenn er an einer religiösen Feier, einer Puja im Hindutempel als Gast teilnimmt. Auch dieser spirituelle Dialog auf der Basis interreligiöser Gastfreundschaft kann zu einem besseren und korrekteren Verständnis voneinander beitragen. Solche gegenseitigen Einladungen können relativ einfach auf der Ebene einer Stadt stattfinden, und natürlich sollten sie von Seiten der Gastgeber begleitet sein von einer Einführung zu den jeweiligen rituellen Vollzügen. Eine besondere Form des spirituellen Dialogs sind sogenannte gemeinsame Gebetsstunden der Religionen. Ich vermeide den Begriff „Interreligiöses Gebet“, da er das Missverständnis hervorrufen kann, hier würden Vertreter verschiedener Religionen wirklich gemeinsame Gebete sprechen, wobei doch zwischen ihnen auf dieser Ebene deutliche inhaltlich-theologische Unterschiede bestehen können. Faktisch werden bei solchen Gebetsstunden die Gebete oder anderen Texte nacheinander gesprochen, und die Angehörigen der jeweils anderen Religionen sind auch hier respektvolle Hörer und Gäste. Doch sind alle vereint in einem gemeinsamen Anliegen, was sie in ihrer jeweiligen religiösen Tradition ausdrücken. Dies kann der allgemeine Wunsch nach Frieden sein oder das friedliche Zusammenleben am Ort. Es kann aber auch gemeinsame Trauer sein nach einem Unglücksfall, etwa eine Naturkatastrophe, ein Flugzeugabsturz oder ein Amoklauf. In anderen Ländern, etwa in Grossbritannien oder Frankreich, ist es bereits seit langem üblich, dass sich zu solchen Anlässen Vertreter verschiedener Religionen zu einer gemeinsamen Gebetsstunde versammeln, während in Deutschland leider in den meisten Fällen immer noch die grossen Kirchen in Ökumenischen Gottesdiensten an ihrem Monopol festhalten. Ein Ökumenischer Gottesdienst gilt da schon als der Gipfel des Mutigen!  

(d) Der „Dialog der Tat“:  Er findet dort statt, wo Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenkommen, um sich ganz praktisch und konkret für Gerechtigkeit, Frieden, Menschenrechte usw. einzusetzen oder an gemein­samen Problemen zusammenzuarbeiten, welche die Gesellschaft als ganze betreffen. Das Wohl der Stadt Bietigheim-Bissingen liegt doch allen, die hier wohnen, am Herzen, welcher Herkunft sie sein mögen, ob sie religiös sind oder nicht. Die religiösen Gemeinschaften und Einrichtungen in Ihrer Nachbarstadt Ludwigsburg haben ihrer gemeinsamen „Ludwigsburger Erklärung“ den Titel gegeben „Suchet der Stadt Bestes!“. Dies ist ein Wort des biblischen Propheten Jeremia (29,7), aber diese Aufforderung richtet sich an alle, die eine Stadt bewohnen, auch an die Religionsgemeinschaften. Wenn der Dialog der Religionen das friedliche Zusammenleben in einem plurali­stischen Gemeinwesen, in der Gesellschaft eines Landes und letztlich der ganzen Welt fördern soll, wird er am Leichtesten seinen Ansatz­punkt dort finden, wo bereits Gemeinsamkeiten liegen. Die augenfälligste Gemeinsam­keit ist die Verant­wor­tung aller Menschen für das Wohlergehen und die Zukunft unserer Erde. Dafür sich einzusetzen, müssen Menschen verschiedener Kulturen, Religionen und philosophischer Überzeugungen gemeinsam Wege finden. Alle Menschen stehen in einer Schicksalsgemeinschaft und folglich auch in einer Verantwortungsgemeinschaft. Das Gemein­same zu betonen und zusammenzuarbeiten bedeutet ja nicht, so zu tun, als gebe es keine Unterschiede. Auf die Religionen bezogen: es geht nicht darum, eine illusorische und auch gar nicht wünschenswerte „Einheit“ der Religionen zu pro­pagieren, als seien sie alle letztlich gleich. Unterschie­de und Pluralismus bleiben bestehen, hindern aber nicht, das gemeinsam zu tun, was möglich und nötig ist.

Ein Weltethos – Basis für Dialog

Möglich ist solche konkrete Zusammenarbeit gerade aus religiös-ethischem Impuls deswegen, weil die Kulturen und Religionen trotz all ihrer Unterschiede sehr ähnliche Vorstellungen vom guten Leben und vom verantwortlichen richtigen Handeln entwickelt haben. Dies ist die Ebene der Ethik, und die ganz grundlegenden, elementaren Werte, Massstäbe und Leitlinien des Verhaltens sind nachweisbar in allen Kulturen sehr ähnlich. Diese Erkenntnis bildet den Ausgangspunkt der Idee eines Weltethos.[ii] Sie will unter anderem einen Beitrag dazu leisten, wie die Religio­nen eine Basis für den Dialog finden und dadurch relevanter für den Frieden werden können. Sie ist also kein Selbstzweck, sondern sie steht in einem grösseren Zusam­men­­hang, im Dienst des Frie­dens, des friedlichen und konstruktiven Miteinander.

Worin aber bestehen die Inhalte des Weltethos, welches sind diese ethischen Gemeinsamkeiten? Die Gemeinsamkeiten im grundlegenden Ethos der Religionen wurden in der Folge von Hans Küngs programmatischem Buch „Projekt Weltethos“ (Piper, München 1990) zum ersten Mal in der „Erklärung zum Weltethos“ des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1993 formuliert[iii]. Es geht um zwei Prinzipien, die dann in vier zentralen Lebensbereichen als „Weisungen“ entfaltet werden:

1.Das Humanitätsprinzip mit seiner Grundforderung: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden.

Diese grundlegende Erkenntnis ergibt sich aus der unveräusserlichen Würde jedes Menschen aufgrund seines blossen Menschseins, die ja auch den Menschenrechten zugrunde liegt. Doch ist in praktisch allen Kulturen und Religionen der Menschheit eine zweite Regel zu finden, welche dieses formale Grundprinzip entfaltet – die sogenannte „Goldene Regel“ der Empathie und Gegenseitigkeit:

2. „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.“ Oder positiv: „Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen.“

Diese Goldene Regel findet sich bereits bei dem chinesischen Weisen Konfuzius fünf Jahrhunderte vor Christi Geburt und zieht sich als ethische Norm durch alle Religio­nen hindurch. Sie ist auch von Philosophen wie Immanuel Kant auf nicht-religiöser Basis diskutiert worden und kann so in der Tat eine Grundlage ethischen Handelns bilden, auf der sich alle Menschen, egal welcher Religion oder Weltan­schau­ung treffen können.

Doch diese beiden Prinzipien schliessen in sich konkrete ethische Leitlinien für vier zentrale Bereiche menschlichen Zusammenlebens ein, die sich ebenfalls in allen Religionen wiederfinden. Die Erklärung von Chicago formuliert sie als Selbstverpflichtungen für den Aufbau einer menschlichen Kultur:

– Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben.

– Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschafts­ordnung.

– Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.

– Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.

Die Weltethos-Idee bildet also eine gute Basis für einen praktischen, lebensnahen Dialog, in dem Menschen aus verschiedenen Religionen gerade aus ihrer religiösen Motivation heraus gemeinsam „der Stadt Bestes“ suchen können. Sie lädt zu einem Perspektivenwechsel ein: sich nicht nur auf das Trennende fixieren, sondern auf das Gemeinsame, Verbindende schauen. Letztlich geht es darum, sich vom Pluralismus, in dem wir alle glücklicherweise leben dürfen, bereichern zu lassen; Verschiedenartigkeit und Andersartigkeit nicht als Bedrohung, sondern als Chance und Bereicherung aufzufassen und zu erleben. Wenn es immer mehr Menschen in allen Religio­nen und Kulturen gelingt, die anderen als Nachbarn zu sehen, die mit mir, mit uns gemeinsam dasselbe Stück Erde bewohnen und auf ihre eigene Art pflegen, dann wäre vieles an Konkurrenz bis hin zu Feindseligkeiten überwunden. Und wenn sich dann noch die Einsicht durchsetzen würde, dass die anderen aus ihrer Religion und Kultur mir etwas zu geben haben, was mich bereichert, ohne dass ich mich und meine Überzeu­gungen deshalb aufgeben muss – mit diesen zwei Haltungen wären neue Wege des Dialogs eröffnet. Nachbarn lernt man allerdings nur dann kennen, wenn man sie wahrnimmt und auf sie zugeht, sie besucht. Auch interreligiöse Nachbar­schaft kann nur wachsen durch persönliche Begegnung. Dafür sollten alle sich bietenden Gelegenheiten genutzt werden und Infrastrukturen geschaffen werden. Nichts kann die persönliche Begegnung ersetzen!

Dies führt mich zu meinem letzten Teil, in dem ich Ihnen einfach ein paar Überlegungen und Beobachtungen weitergeben möchte, die ich in meiner eigenen Aktivität im interreligiösen Dialog machen konnte, vor allem aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit für die interreligiöse Organisation „Religionen für den Frieden“.

Einige Gedankensplitter zum Dialog in der Praxis

(1) Welche Struktur?

Will man das Miteinander der Religionen in einer Stadt auf eine strukturierte Basis stellen, stellt sich sofort die Frage nach der Art dieser Struktur: Wird ein offizieller „Rat der Religionen“ angestrebt, von der Stadtverwaltung als eigenes Gremium ähnlich wie ein Integrationsbeirat ins Leben gerufen und aus festen Repräsentanten der Religionsgemeinschaften bestehend? Oder zielt man eher auf eine zivilgesellschaftliche Struktur ab: also eine breite interreligiöse Gruppe auf Stadtebene, ein interreligiöser Begegnungs- und Arbeitskreis, dessen Mitglieder durchaus wechseln können und der offen ist für alle Interessierten? Solch ein Kreis kann sich eine offenere Agenda geben, die nicht unbedingt an Fragen der Stadtpolitik ausgerichtet sein muss. Selbstverständlich schliessen sich beide Strukturen an einem Ort nicht aus, wobei man allerdings gerade bei den zahlenmässig kleinen Religionsgruppen aufpassen muss, dass man ihre Vertreter nicht mit zu vielen Verpflichtungen überfordert, da ihnen ja nur wenig Personal zur Verfügung steht.

(2) Wer unternimmt die Initiative?

Ein interreligiöser Kreis braucht natürlich einen Motor. Ohne einzelne engagierte Personen verlaufen Initiativen schnell im Sand. Eine interreligiöse Dialogstruktur kann von engagierten Einzelpersonen aus den Religionen gemeinsam ins Leben gerufen werden, oder auch mit Hilfe einer überregionalen interreligiösen Organisation, wie etwa die erwähnte „Religionen für den Frieden“, die z.B. in Heilbronn eine Ortsgruppe hat. Ideal ist in jedem Fall, wenn bereits die Gründungsinitiative von Menschen aus verschiedenen Religionen gemeinsam gestartet wird oder auch von einer neutralen, nicht-religiösen Plattform her, etwa einer Bildungseinrichtung oder einer sonstigen Organisation. In Tübingen habe ich im Namen der Stiftung Weltethos, die ja nicht kirchen- oder religionsabhängig ist, vor kurzem die Initiative zu einer regelmässigen interreligiösen Begegnung unternommen. In unseren Städten sind die beiden grossen Kirchen sehr dominante Akteure im Bereich der Religion, mit allen infrastrukturellen und personellen Vorteilen und allen bewusstseinsmässigen Nachteilen. Natürlich kann die Initiative zu einer interreligiösen Gruppe auch von Kirchenleuten ausgehen, aber gleich der zweite Schritt sollte dann zu einem interreligiös zusammengesetzten Koordinationskreis führen. Wichtig ist in jedem Fall: alle Religionen sollen sich auf gleicher Ebene begegnen, ob sie nun am Ort 10000 oder 200 Mitglieder haben und ob sie seit 1000 Jahren oder erst seit 10 Jahren hier vertreten sind. Damit hängt auch zusammen, wo man sich trifft: Ein neutraler Ort kann zunächst niederschwelliger und vertrauensbildender sein als die Räume einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Im Lauf der Zeit kann es dann allerdings gerade bereichernd werden, sich z.B. abwechselnd in den Räumen der Religionen zu treffen. Erst zwei Städte, Hannover und Bern, sind mir bekannt, wo ein eigenes „Haus der Religionen“ gebaut wurde: ein Haus, in dem jede Religionsgemeinschaft eigene Räume, vor allem auch Kulträume hat, in dem aber durch gemeinsame Räume auch die interreligiöse Begegnung gefördert werden soll.

(3) Was tun?

Welches Programm die interreligiöse Arbeit am Ort haben soll, hängt von vielen lokalen Umständen und Bedürfnissen ab. In Tübingen haben wir bewusst niederschwellig auf der reinen Begegnungsebene begonnen, ohne thematisches Programm, ohne Vortrag oder Ähnliches. Dies hat offenbar einem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Begegnung entsprochen. Doch wird sich auch dort diese Begegnung sicher in Zukunft weiterentwickeln. Ortsgruppen von „Religionen für den Frieden“ wiederum machen gute Erfahrungen mit Jahresthemen. Wichtige Anlässe in der Stadt können auch interreligiös markiert werden. Hierher gehört auch die Frage von gemeinsamen Erklärungen der Religionen. Ludwigsburg hat sein 300jähriges Stadtjubiläum zum Anlass genommen, eine gemeinsame Erklärung der religiösen Gemeinden und Einrichtungen zum Miteinander der Religionen zu verfassen. Solche Erklärungen können ein wichtiges öffentliches Zeichen der Solidarität und gemeinsamen Verantwortung der Religionen darstellen. Auch besondere Ereignisse negativer wie positiver Art können Anlass zu gemeinsamen Erklärungen werden. Gerade bei Terroranschlägen hat es immer wieder interreligiöse Distanzierungen von Gewalt gegeben. Allerdings sollte man die praktische Auswirkung von Erklärungen auf die konkrete lokale Arbeit auch nicht überschätzen.

Ich breche hier meine Gedankensplitter ab und hoffe, dass ich Ihnen einigen Stoff zum Weiterdenken geben konnte. Manche anderen Gesichtspunkte konnten im Rahmen dieses Vortrags nicht zur Sprache kommen. Wichtig wäre unter anderem, sich Gedanken zu machen, warum der Dialog Menschen auch Angst macht, und worin Hindernisse zum Dialog liegen. Schliessen möchte ich aber mit einigen Sätzen, die der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf in seinen Leitlinien zum Dialog formuliert hat und in denen die Chancen und Grenzen des interreligiösen Dialogs ganz nüchtern angesprochen werden:

„Oft wird erwartet, dass der Dialog wesentlich zur Lösung von politi­schen Konflikten oder Konflikten zwischen Gemeinschaften, bei denen die Religion anscheinend eine Rolle spielt, beitragen und den Frieden wiederherstellen kann. … Wer im Zusammenhang mit Konflikten zu hohe Erwartungen an den Dialog stellt, mag angesichts der Ergebnisse enttäuscht sein. Wenn der Dialog den Konflikt nicht zu lösen vermag, wird seine Relevanz für die Friedensstiftung in Frage gestellt. Allerdings ist der interreligiöse Dialog seinem Wesen nach kein Instrument zur Problemlösung in akuten Krisensituationen. Kontakte und Beziehungen, die auf dem durch geduldigen Dialog in Friedenszeiten aufgebauten wertvollen Vertrauen und der Freundschaft zwischen Menschen verschiedener Religionen beruhen, können in Zeiten des Konflikts verhindern, dass die Religion als Waffe benutzt wird. In vielen Fällen können solche Beziehungen den Weg für Schlichtungs- und Versöh­nungsiniti­ativen ebnen. In Zeiten von Spannungen zwischen Gemeinschaften oder auf dem Höhepunkt einer Krise können die Kontakte über die Spaltungen hinweg ihren unschätzbaren Wert für den Aufbau des Friedens erweisen.“[iv] Ja, der Dialog ist keine Ambulanz, er ist eher eine vorbeugende Massnahme. Es geht dar­um, dass Menschen mit dialogischer Mentalität in allen Religionen, am besten auch zusammen mit Menschen nicht-religiöser ethischer Überzeugungen, sich zusammenschliessen und zusammenarbeiten. Ich wünsche Ihnen hier in Bietigheim-Bissingen gute Ideen, Mut und Überzeugungskraft auf Ihrem Weg zu einem immer besseren Miteinander der Religionen.

 

[i] Reinhold Bernhardt, Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion. TVZ, Zürich 2005; Zitat S.11

[ii] Zu Genese und Entwicklung des Weltethos-Gedankens: Hans Küng (unter Mitarbeit von Günther Gebhardt und Stephan Schlensog), Handbuch Weltethos. Eine Vision und ihre Umsetzung. Piper, München 2012;  Hans Küng (Hrsg.), Dokumentation zum Weltethos. TB Serie Piper 3489, München 2002

[iii] Text der Erklärung: www.weltethos.org/1-pdf/10-stiftung/declaration/declaration_german.pdf

[iv] Ökumenischer Rat der Kirchen, Leitlinien für den Dialog und für die Beziehungen mit Menschen anderer Religionen. ÖRK-Verlag, Genf 2002. Internet: www.wcc-coe.org

 

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